Mario Comensoli

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x x Mitteilungsblatt     1/2000 x
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x Inhaltsverzeichnis
  • Im Bild
  • Ars longa
  • Offenbarung eines Malers
  • www.comensoli.ch
  • "Straordinaria modernità"
  • Neue Kräfte
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x Im Bild

"Comensoli fand seine neue Identität in der Darstellung der ausländischen Arbeiter", schrieb Guido Magnaguagno im Katalog zur Retrospektive im Aargauer Kunsthaus 1985. Er bezog seine Einschätzung auf die 1957 begonnene Werkreihe der "Lavoratori in blu". Mit ihr ist Mario Comensoli berühmt geworden. Es sind die Bilder, die ihm noch heute sofort zugerechnet werden. Doch wichtig ist die Nuance: für die "Darstellung der ausländischen Arbeiter" engagierte sich der Maler, nicht für den direkten politischen Eingriff. Sein Anliegen war die Sensibilisierung mit künstlerischen Mitteln. Was Max Frisch schrieb und Alexander J. Seiler filmte, malte er.

Wir wollen uns die aufrüttelnde Botschaft der Humanität gerade jetzt in Erinnerung rufen: jetzt, vor der Abstimmung vom 24. September über die Volksinitiative für eine Regelung der Zuwanderung. Die unbequemen und untrüglichen Zeitanalysen Comensolis überdauern die Gegenwart, in der sie entstanden sind. Die Gegenwart, die den Maler hellwach werden liess und zum klaren Positionsbezug führte, ist wieder da. Wie die Zeit vergeht; wie die Zeit nicht vergeht! Comensoli ein politischer Künstler? Er müsste als solcher bezeichnet werden, wäre die Politik allein von der Menschenwürde geleitet.


Ars longa

Kaum eine Woche verging, ohne dass Vittorio Vigani nicht die Galerie besuchte und seinen Espresso trank. An keiner Vernissage fehlte er. Mit seinem weissen Haar und Schnauz, seinem markant hageren und braungebrannten Gesicht fiel er sympathisch auf. Wir werden ihm nicht mehr begegnen und nicht mehr seine Geschichten aus der langen und engen Verbundenheit mit Mario Comensoli hören. Vittorio Vigani ist am 11. Juni im Alter von 84 Jahren gestorben.

Er war der nahe Freund des Malers und sein bevorzugtes Modell. Die Zahl der mit ihm entstandenen Bilder, Zeichnungen und Skizzen ist immens. Vittorio und Mario verehrten einander. Sie waren sich in der Seele verwandt. Das unverbrüchliche Vertrauen und die unbedingte Ehrlichkeit prägten ihre Beziehung. Im künstlerischen Werk leben sie fort: durch die Kreativität des einen, durch die Inspiration des andern. Wir bewahren nun auch Vittorio Vigani das ehrende Andenken.


Offenbarung eines Malers

Ein Durchbruch in Rom

Vom 12. bis 20. Februar 1962 konnte der 40jährige Mario Comensoli in der Römer Galleria S. Luca ausstellen. Das brachte ihm die gerade heute wieder bemerkenswerte Anerkennung einer intellektuellen Autorität: von Carlo Levi.

Er beschreibt im Katalog die Entvölkerung der italienischen Dörfer und Städte. Die junge Generation muss im Ausland Arbeit suchen. Levi wünscht sich einen Maler, der nach den Gründen der Katastrophe und den Schicksalen fragen würde. Und stellt beglückt fest, dass es mit Comensoli diesen Maler gebe.
Die Darstellung der Emigranten entspringe "tiefer Ehrlichkeit und moralischer Klarheit" und einer "starken und nüchternen Liebe zu den Menschen". Comensoli, der jede künstlerische Mode ablehne, besitze "das Privileg der Einsamkeit dessen, der glaubt, was er tut und liebt". Levi lobt die Einfachheit, die Genauigkeit und die Sensibilität Comensolis, der den Emigranten brüderlich begegne und geprägt sei von der "Loyalität zur Kultur der Arbeit".
Rom war für Comensoli ein Durchbruch - und gleichzeitig ein Bruch mit der missgünstig reagierenden italienischen Kunstszene. Zu einer Ausstellung in Italien kam es nie mehr.

Carlo Levi
Geboren 1902 in Turin, gestorben 1975 in Rom. Journalist, Schriftsteller und Maler, ursprünglich Arzt. Als Antifaschist 1935-36 Lukanien verbannt. Emigration nach Paris, Anschluss an den Widerstand. Später als Schriftsteller in Rom. Bücher u.a. "Paura della libertà", 1947; "L'orologio", 1950; "Le parole sono pietre", 1955. Sein international erfolgreiches Haupt-werk, "Cristo s'è fermato a Eboli", 1945, wurde 1979 von Francesco Rosi verfilmt.


www.comensoli.ch

Die eigene Homepage ist seit anfangs Juli auch für die Comensoli-Stiftung Wirklichkeit: www.comensoli.ch . Der Künstler Daniel Ambühl hat die Seiten als Hommage an Mario Comensoli sorgfältig und unverwechselbar gestaltet.

Auf dem Internet informieren wir über Aktuelles, über die kommenden und früheren Galerie-Ausstellungen, das Leben Mario Comensolis und die Tätigkeit der Stiftung. Im Aufbau befinden sich die "Virtual Galery" und das elektronische Werkverzeichnis. Selbstverständlich ist es möglich, mit uns per Internet zu kommunizieren und Publikationen zu bestellen.

Die Homepage umfasst eine deutsche Version und in Kurzform eine italienische. Demnächst werden auch eine französische und englische Version aufgeschaltet sein.

Daniel Ambühl, geboren 1958, lebt nach beruflichen Stationen bei Radio 24 und SF DRS und einem Aufenthalt in Berlin als freischaffender Künstler mit seiner Frau und den beiden Kindern in Oberiberg/SZ. Er machte sich vor allem einen Namen mit seinen Bildwegen, von denen einer gegenwärtig in Greifswald/D aus Anlass des 750-Jahr-Jubiliäums der Hansestadt zu sehen ist. Zwei neue Bildwege entstehen in Ludwigsburg/D und in Ybrig/SZ, der am 23. September eröffnet wird.


"Straordinaria modernità"

Comensoli-Ausstellungen

Werke von Mario Comensoli waren vom Herbst bis zum Sommer in Bellinzona, Chur, Lugano und Zürich zu sehen. In der Presse erschienen kürzere und längere Besprechungen.

die Banca del Gottardo präsentierte im Castello Sasso Corbaro, Bellinzona, Teile ihrer seit den sechziger Jahren aufgebauten und von Luca Patocchi betreuten Sammlung. Kernstück bilden junge Schweizer Künstler. Manche, die einst zu diesem Kreis zählten und von der Bank angekauft wurden, haben sich zu Klassikern entwickelt. Das gilt für Mario Comensoli, den der "Corriere del Ticino" zusammen mit Sergio Emery respektlos-respektvoll in die Kategorie der "grandi vecchi" einordnete.

Die Galleria L'Incontro, Lugano, vermittelte einen Überblick über das Tessiner Kunstschaffen. Klar, dass Françoise Tamò auch Mario Comensoli Gastrecht gewährte. Aus doppeltem Grund: zum einen schätzt sie ihn, zum andern verbrachte der Künstler an der via Ferri 2/via Trevano, wo sich die Galerie befindet, seine Jugendjahre.

Im Churer Studio 10 erhielt Comensoli eine Einzelausstellung unter dem Titel "Neu gesichtet - neu gewichtet". Richard und Liliana Brosi, Comensoli während Jahrzehnten freundschaftlich verbunden, reizte es, die eigene Sammlung kritisch zu überprüfen und den Befund in ihrer Galerie sichtbar zu machen. Die gesamte Bündner Presse setzte die Bilanzierung würdigend fort.

Erfreulich war die Resonanz auch auf die beiden letzten Ausstellungen in der stiftungseigenen Galerie: auf "Wahlverwandschaften III", die von Guido Magnaguagno und Fritz Billeter spannend gestaltete Konfrontation von Comensoli und Varlin, und auf "Modernità", die von Mario Barino eindrücklich und erfolgreich konzipierte Verkaufsausstellung. Von einer "straordinaria modernità" sprach "La nuova Pagina".


Neue Kräfte

Seit Dezember des vergangenen Jahres darf der Stiftungsrat auf die Kraft und die Ideen zweier neuer Mitglieder zählen. Es handelt sich um Luciano Persico und Hans Ulrich Schweizer. Beide haben sich seit je für das Schaffen Mario Comensolis interessiert.

Luciano Persico, Jahrgang 1937 und wohnhaft in Zürich, studierte an den Universitäten von Mailand, Parma und Zürich Psychologie, Volkskunde, Romanistik und Pädagogik. Seit 1967 arbeitet er als Erzieher. 1974 gründete er die Berufsschule der Emigrierten, Zürich, die er bis 1992 leitete. Seither wirkt er als Fachlehrer an verschiedenen Bildungsinstitutionen. Er ist u.a. im Vorstand der Società Dante Alighieri, Zürich, und Mitglied der Eidgenössischen Ausländerkommission.

Hans Ulrich Schweizer, ebenfalls Jahrgang 1937 und wohnhaft in Rüschlikon, liess sich zum Primarlehrer ausbilden und wechselte in den Journalismus, später in die Werbung. Er war Fernsehproduzent und Creative Director in den USA. 1986 wurde er "Werber des Jahres" und erhielt weitere nationale und internationale Auszeichnungen. Heute ist Hans Ulrich Schweizer Verwaltungsrats-Delegierter und Geschäftsführer der Adolf Wirz Werbeberatung AG, Zürich.

Die neuen Mitglieder beleben die Tätigkeit des Stiftungsrates in sehr wertvoller und kollegialer Weise.


Herausgegeben von der Comensoli-Stiftung
8001 Zürich, Pfalzgasse 2/4, Telefon und Telefax 01 221 02 30
Redaktion Alex Bänninger
Druck G. Büchi Buch- und Offsetdruck, 8052 Zürich
Abdruck mit Quellenangabe und der Bitte um ein Belegexemplar gestattet

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