Mario Comensoli

x   Comensoli — vier Mal im Coopi x

 

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Eine Ausstellungsreihe der Stiftung Mario und Hélène Comensoli, Zürich

Der Maler Mario Comensoli fühlte sich mit dem Coopi — dem alten an der Militärstrasse und dem heutigen am Werdplatz — eng verbunden. An diese herzliche Beziehung soll die vierteilige Ausstellung mit einer Reihe der wichtigsten Werke aus dem Besitz der Stiftung Mario und Hélène Comensoli erinnern. Anlass zu diesen Veranstaltungen ist das hundertjährige Jubiläum der Cooperativo. Die erste Ausstellung, die von Oktober bis Anfang Januar dauerte, galt den «lavoratori in blu», seinen berühmten Arbeiter-Bildern aus den fünfziger und sechziger Jahren. Comensoli hatte damals die «neue Ästhetik» der immigrierten Arbeiter entdeckt, die er mit starker emotionaler Verbundenheit darzustellen wusste. «Die Gastarbeiter haben damals unsere Wirklichkeit verändert», erklärte Comensoli seinem Interviewpartner Frank A. Meyer anlässlich der Retrospektive im Zürcher Kunsthaus, «sie stellten das Gewohnte in Frage, sie provozierten uns. Sie verzauberten unseren Alltag, für mich waren sie die neue Ästhetik. Ich konnte ihnen nicht ausweichen, ich musste sie malen. In meinen Bildern wurden sie für mich zur Poesie.»
Der Zyklus der «lavoratori in blu» lief 1968 aus. Die Wendezeit 1968, der die jetzige Ausstellung gewidmet ist, veränderte Comensolis Sprache und seine Themen. »Für mich ist das Malen zu einer unverzichtbaren Notwendigkeit der Befreiung geworden», schrieb Comensoli in jenen Jahren. «Zeichnend und malend kann ich am Fest des Lebens teilnehmen.» Es mag sein, dass die amerikanische und englische Pop-Art sein Bestreben bestärkt hat, sich nach 1970 auch mit den Symbolen des Alltags zu beschäftigen, imitiert hat er aber keine der Pop-Art-Grössen. Figuren und Gegenstände auf nie gesehene Weise kombinierend, hebt er die bisher gültige Bildeinheit auf, stellt er Werte und Hierarchien in Frage.

Die Bilder der «Wendezeit» werden zwei Monate im Coopi zusehen sein, dann machen sie einer dritten Werkgruppe Platz: «I secondo». Wiederum geht es um die
Gastarbeiter, aber nun — in einer neuen Bildsprache — um die Generation der hier aufgewachsenen Söhne, die sich zwischen zwei Kulturen bewegen.
Schliesslich wird die Stiftung Mario und Hélène Comensoli Werke aus den achtziger Jahren zeigen, die das Leben der jungen Zürcher Aussenseiter schildern. In Wipkingen arbeitend, hat Comensoli hautnah mitverfolgt, was damals am Letten und auf Platzspitz passiert ist.


Comensolis Beziehung zum Cooperativo

Als Mario Comensoli anfangs 1944, 22-jährig, nach Zürich kam, hat er zweifellos sofort den Kontakt zu andern Tessinern und italienischen Immigranten im Cooperativo, damals an der Militärstrasse 36, gesucht. Hier, im Kreis 4, im «Kreis Chaib», lebten besonders viele Einwanderer aus dem Süden. Zu seinen Tischgefährten gehörte der junge Gewerkschafter Enzo Canonica, der später Karriere machte. Comensoli liebte die einzigartige Atmosphäre in diesem Lokal, das ihm wie eine Zeitinsel erschien. Schon damals hingen an den Wänden die Porträts von Karl Marx, Jean Jaurès und Giacomo Matteotti, dem Märtyrer des italienischen Antifaschismus, der 1924 von den Schergen Mussolinis ermordet worden ist. Und wie heute erinnerten zwei Büsten an Dante Alighieri und an Filippo Turati, den Begründer des Sozialismus in Italien. Als sich Comensoli in Zürich heimischer fühlte, sich den neuen Ideen öffnete, die in dieser Stadt in der Luft lagen, begann er mit seiner Frau Hélène und Reni Mertens (die Brecht ins Italienische übersetzt hatte) auch im Café Odeon, dem Treffpunkt der Intellektuellen und Künstler zu verkehren. Aber das Cooperativo mit seiner vom antifaschistischen Kampf geprägten Vergangenheit war sein Lieblingslokal. Der alte Gewerkschafter Augusto Vuattolo, aus dem Friaul stammend und während des Ersten Weltkrieges aus Deutschland ausgewiesen, brachte ihm die Namen vieler Kämpfer ins Bewusstsein, die gegen Mussolinis Regime aufgestanden waren, von Angelika Balabanoff bis zum Schriftsteller Ignazio Silone. Und der Sohn des Geranten, Ettore Cella erzählte vom Besuch Brechts im Cooperativo, der entrüstet gefragt habe, warum neben der Büste von Marx nicht auch jene von Lenin und Stalin zu sehen seien. Die Antwort Cellas liess nicht auf sich warten: «Bei uns hat es keinen Platz für Diktatoren.»

Nachdem er im Zürcher Helmhaus seine postkubistischen Werke gezeigt hatte, und nach mehreren Paris-Aufenthalten, kam es zu einem unerwarteten motivischen und stilistischen Wechsel in Comensolis Kunst. 1954 sah man ihn am 1. Mai unter den Arbeitern, die der Rede Walter Bingolfs zuhörten, mit zwei Plakaten, die er gezeichnet hatte: Auf dem einen waren Kadaver von Kindern zu sehen, den Opfern einer Atombombe. Auf dem andern solidarische Arbeiter verschiedener Rassen.

Bald hing sein monumentales, 1954 geschaffenes Gemälde «Sonntag», das ein ländliches Fest zeigt , an einer Wand des Cooperativos. Dann kam eine Gruppe von «Lavoratori in blu» dazu. Seine Kunstwerke waren nie gemalte Propaganda. Entsprechend fanden sie, als er in der Römer Galerie San Luca ausstellte, keine Anerkennung beim Pontifex des italienischen Realismus‘, Renato Gutuso, der auf den Bildern sowohl heroische Arbeitergestalten von politischer Relevanz als auch die Impulse zur klassenkämpferischen Revolte vermisste.

Von dieser Reaktion enttäuscht, wollte Comensoli nie mehr in Italien ausstellen. Hingegen blieb er dem Cooperativo treu, wo nach 1968 zu den Einzelfiguren der Arbeiter im Übergwändli stark farbige und bewegte Gruppenszenen dazu kamen, die die Mythen einer revoltierenden Jugend zelebrierten und manchmal auch ironisierten.

1980, beim 75-Jahr-Jubiläum des Cooperativos, so liest man es im Protokoll, gehörten zu den gegen 100 Anwesenden auch die Ehrengäste Emilie Lieberherr und Mario Comensoli, den man als «Maler der Emigranten» feierte.

An den Tischen des Cooperativos werden seit hundert Jahren Diskussionen geführt und Träume geträumt. Die Gesprächsthemen wechseln, aber die Utopien gleichen sich. Mario Comensoli hat bei seinen vielen Besuchen den Mikrokosmos des Coopi mit kritischen, aufmerksamen Augen beobachtet. Vieles, das er gesehen hat, ist in seine Bilder eingeflossen.

Eine Fotografie von Mürra Zabel Anfang neunziger Jahre zeigt den Künstler während eines Festes im Restaurant. Er sitzt unter seinem Bild «Der Fremdenfeind», gemalt als Mahnung gegen den Rassenhass, als Aufforderung zu einem friedlichen Zusammenleben.

Mario Comensoli starb am 2. Juni 1993, eine Woche nachdem er an einer Velo-Demo teilgenommen hatte, zu der er ein eigens geschaffenes Kunstwerk beitrug.

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